Published: March 1, 2025
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Alle reden jetzt über den Inhalt des völlig entgleisten "Kamingesprächs" zwischen Selenskij, Trump, Vance u.a. Aber das völlig Verrückte ist ja zunächst einmal, daß es öffentlich war und im Fernsehen übertragen wurde! Sehr einfacher Gedanke: wenn die parallel dazu in Deutschland stattfindenden "Sondierungsgespräche" zwischen Union und SPD ebenfalls live im Fernsehen übertragen werden würden und sich dann z.B. Merz und Klingbeil wegen der Antifa-Proteste gegen die CDU, die jedenfalls Klingbeil wohl prima findet, angiften, dann würden die Medien auch nach einer Stunde melden, die Sondierungen seien endgültig gescheitert, die Parteien restlos entzweit! Und ganau deswegen wird es ja nicht im Fernsehen übertragen und übrigens auch nicht für die Nachwelt aufgezeichnet, es bleibt einfach zwischen den anwesenden Parteien vertraulich, was dort gesagt wurde. Szenen wie die, die nun um die Welt gegangen ist, ereignen sich bei internationalen Konferenzen und Staatsbesuchen ständig, nur eben hinter verschlossenen Türen. Natürlich auch nicht immer, es kommt sehr auf das individuelle Temperament der Beteiligten an. Manche Politiker und Staatsmänner geben sich nach außen stoisch, und keiner weiß je ganz genau, was sie wirklich denken; andere neigen zu Gefühlsausbrüchen, und diese können dann echt sein oder gespielt. (Helmut Kohl neigte übrigens dazu, pathetische wie cholerische Auftritte zunächst schauspielerisch zu inszenieren, wurde dann aber von der eigenen Darstellung übermannt, so daß alles doch noch "echt" wurde – "like a simulated orgasm, suddenly becoming real", spotteten die Briten). Franz Josef Strauß hat in seiner Autobiographie an den bemerkenswerten (inzwischen weithin vergessenen) Umstand erinnert, daß im Britischen Unterhaus, also dem nationalen Parlament, jahrzehntelang Film- und Tonaufnahmen streng verboten waren. Die Bürger mußten sich durch Zeitungen (Öffentlichkeit und Journalisten waren ja da) über den Inhalt von Parlamentsdebatten unterrichten – und in Zeitungsartikeln konnten eben im wesentlichen nur Argumente und Gegenargumente wiedergegeben werden, reine Showeinlagen "verpuffen" normalerweise in der schriftlichen Zusammenfassung. Strauß machte sich keine Illusionen über die Möglichkeit, das Fernsehen wieder aus dem Bundestag zu verbannen – man kann die Uhr nicht zurückdrehen – wies aber darauf hin, daß Reden im und fürs Fernsehen immer emotionalisierte Gardinenpredigten seien und nie argumentationsgesättigte Analyse. Später hat Thilo Sarrazin in einem seiner Bücher darauf aufmerksam gemacht, daß Argumente (im engeren Sinne) eigentlich nur eine Rolle spielen, wenn ausgewiesene Experten sich hinter verschlossenen Türen austauschen; nicht aber im Parlament oder im Fernsehen, da die meisten Leute, zumindestens, wenn sie nicht Experten für eine bestimmte Sachfrage sind, eben in Bildern denken und nicht in Argumenten. Und in der Universität, wo ich eben jahrelang tätig war, ist es anerkannt, daß die Nicht-Öffentlichkeit eines Gremiums die Voraussetzung für dessen Arbeitsfähigkeit ist. In den USA scheint hingegen eine völlig andere Mentalität im Hinblick auf "Fernsehöffentlichkeit" zu bestehen, allseits bekannter Ausdruck dessen ist ja der aus europäischer Sicht barbarische Umstand, daß Gerichtsverfahren dort im Fernsehen übertragen werden können. (Dies geht eben deswegen nicht, weil es vor Gericht um "Wahrheitsfindung" geht und nicht um "öffentliche Selbstdarstellung"). Und wenn dies Umstand dann auch, in etlichen Bundesstaaten, mit dem weiteren Umstand kombiniert wird, daß Staatsanwälte gewählt und wiedergewählt werden müssen, also im Gerichtssaal u.U. einen "Wahlkampf" als "Harter Hund" führen müssen, ist es in der Sache gar keine Gerichtsverhandlung mehr, sondern eigentlich etwas ganz anderes... Auch das "öffentliche, live übertragene Kamingespräch mit ausländischen Staatschefs" wirkt aus europäischer Sicht barbarisch. (Man denkt unwillkürlich an Szenen im russischen Fernsehen, wo Putin einen seiner Minister öffentlich zusammenscheißt; es wurde in Rußland dann sogar behauptet, es sei eine Live-Übertragung, was aber nicht gestimmt hat, weil die Uhren der Beteiligten teils ins Bild kamen und eine ganz andere Zeit anzeigten). Das "Live-Kamingespräch mit ausländischen Staatschefs" scheint auf den ersten Blick eine Erfindung von Trump zu sein – ich wüßte von keinen solchen "Kamingesprächen" bei früheren Präsidenten. Vor kurzem erst hat ja Trump den König von Jordanien auch zu einem solchen öffentlichen Gespräch empfangen und ihm eröffnet, dieser müsse nun (obwohl Jordanien schon seit Jahrzehnten Millionen von Palästinensern im Land hat und darüber nicht immer beglückt ist), wo die Palästinenser aus dem Gaza-Streifen vertrieben werden würden, diese dann auch noch aufnehmen. Der Monarch hat hierzu im wesentlichen weise geschwiegen und ein sparsames Gesicht gemacht. Hätte er anders reagiert, etwa auf die nationale Souveränität seines Landes hingewiesen, wäre es wohl zu Szenen wie den jetzt gesehenen gekommen. Selenskij (wie in Deutschland sein seinerzeit in hier so beliebter Adlatus Melnyk, dessen Sohn gottdseidank noch nicht an der Front verblutet ist, sondern, wie man hört, gut und gerne in Deutschland lebt) hat offenbar darauf gesetzt, Trump moralisch zu beschämen, in einen moralisch induzierten Zustand des Kleinlautseins zu versetzen und ihm dann das Bekenntnis unbedingter Unterstützung in abzuverlangen. Das hat bei europäischen Politikern immer wieder hervorragend funktioniert, man denke nur an die seinerzeitige Äußerung von Annalena Baerbock, sie würde die Ukraine auch unabhängig vom deutschen Wählerwillen unterstützen. Nun hat es Trump wohl nicht so gerne – und wer hätte dies ahnen können? – moralisch auf den Topf gesetzt, kleinlaut gemacht und dergestalt zu bestimmten Zusagen gezwungen zu werden. Trump ist eben nicht Hofreiter – die beiden haben nur denselben Friseur. Aber das sollte man nicht überbewerten. Gerüchten zufolge haben ja auch Sahra und ich denselben Zahnarzt – aber das heißt ja noch lange nicht, daß ich für Putin bin.

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